Mittelpunkt der Schweiz

Ich war mir unschlüssig was für einen Titel ich wählen sollte. Naja, falsch ist er so sicher nicht. Er hätte aber auch „Gratwanderung“ oder „grenzwärtig“ ausfallen können. Mehr dazu dann im zweiten Teil vom Beitrag 😨 … ich mag gar nicht daran denken.

Mit Seesicht dahinrollen, ein wunderbarer Einstieg in den Biketag. Kaum ist der Sarnersee hinter uns, biegen wir links ab, ein paar steile Meter hinauf. Dann folgt bereits das erste Staunen. Das Klein Melchtal ist ein Besuch wert. Eine gute Kiesstrasse windet sich mit moderater Steigung durch das sehr enge Tal. Beidseitig kragen Felswände empor. Man fühlt sich wie in einer Schlucht.

Das Ende vom Tal ist gleichzeitig der Wendepunkt … oder man schultert sein Bike den steilen Wanderweg hinauf. Oben angelangt, folgen wir der asphaltierten Strasse zum Älggi. Diese Alp mit Restaurant und Kapelle ist eine herrliche Ebene, eingerahmt von einem Felsband. Ganz am Rand, auf einer kleinen Erhebung, befindet sich der symbolische geografische Mittelpunkt der Schweiz. Die Steinmauern symbolisieren die Silhouette unserer Schweiz. In der Mitte liegt ein Stein mit dem markierten Mittelpunkt. Der richtige Flächenschwerpunkt liegt ca. 500 Meter nordwestlich, oberhalb einer Felswand bei Chli Älggi. Da sich dieser Punkt in unwegsamen Gelände befindet, wurde der symbolische Mittelpunkt hier am Rande vom Älggi errichtet.

Ab ins Restaurant, der Magen knurrt. Schliesslich ist Mittag.

Ich liebe solche spezielle, magischen Punkte. Daher stand der Schweizer Mittelpunkt schon lange auf meiner ToDo Liste. Immer unklar war mir, wie ich das Älggi sinnvoll zu einer richtigen Biketour kombinieren kann. Im Netz findet man nur Vorschläge mit viel breiten Strassen und Wegen.
Ein Blick auf die Landkarte brachten meine Augen während der Planung zum glänzen. Der Vorschlag ging zu Alexander, welcher bei erster Gelegenheit eine Rekorunde drehte. Fazit: Viel ist nicht fahrbar. Aber schliesslich zählt ja auch das Abenteuer.

Wir verlassen das Älggi. Nicht abwärts wie die meisten Besucher, sondern aufwärts. Der Alpweg ist meist gut fahrbar, teils jedoch ordentlich steil. Der folgende Trail bringt uns bereits an den Fuss vom Gipfel. Die vor uns liegende Laufstrecke ist absehbar.

Oben beim Gipfelkreuz ist die Aussicht fantastisch, runter zum Sarnersee, in der Ferne zum Vierwaldstättersee und unserem gestrigen Gipfel, dem Pilatus.

Jetzt ins Abenteuer. Ein paar wenige Meter sind noch fahrbar. Nach Alexander ist die Schlüsselstelle ziemlich zu Beginn. Wir kraxeln die Felsen empor. Dann kann ja nichts mehr schief gehen … dachte ich.

Beim studieren der Karten und der Bilder im Internet, lasse ich mich oft verführen. Alles sieht super aus, sicher machbar. Zudem liebe ich ja Abenteuer. Wäre da nicht meine fehlende Schwindelfreiheit, die ich gekonnt ausblenden kann. Wenn es dir gleich ergeht wie mir, kannst du mich gut verstehen. Andere haben eher das Gefühl dass ich spinne.
Ohne Voranmeldung schlägt die Blockade zu. Einiges kann ich mit fixierter Konzentration und einer Portion Adrenalin wegstecken. Irgend wann hilft alles nichts mehr.

Wir laufen über diesen Grat, die Schlüsselstelle bereits hinter uns. Beidseitig geht es abwärts, sehr steil abwärts, bei den Felspassagen senkrecht. Einen Fehltritt kann man sich hier nicht leisten. Und wir schleppen noch das unhandliche Bike mit uns. Lässt man es aus den Händen gleiten, purzelt es einige hundert Meter ins Tal.
Ihr könnt es ahnen, die Blockade schlägt zu. Ich habe weiche Knie, fühle mich unsicher, ängstlich und muss mich aufs Äusserste konzentrieren, dass ich noch einen Fuss vor den anderen bringe. Ich könnte im Boden versinken, heulen. Ich hasse dieses Gefühl. Sch….. 😱

Der Grat will nicht enden. Zacken um Zacken muss bewältigt werden. Aufwärts, abwärts oder der Seite entlang. Gut habe ich zwei ganz tolle und hilfsbereite Kollegen mit an Bord. Alexander und Kurt tragen mein Bike ein gutes Stück über den ausgesetzten Pfad.
Endlich die letzte, etwas gemässigtere Erhebung. Ich übernehme mein Bike und schwinge es auf die Schultern. Wie bin ich erleichtert, dass der Grat doch noch ein Ende hat.

Der gesamte Grat ist echt der Hammer. Einfach Wahnsinn, dass hier eine Spur gebaut wurde. Wer spezielle Wanderungen liebt und schwindelfrei ist, muss dies unbedingt erleben. Das Bike würde ich aber auf keinen Fall mitschleppen 😉

Langsam kehrt mein Selbstvertrauen wieder zurück. Auf dem Bike fühle ich mich klar wohler, vor allem wenn es fahrbar ist.
Obwohl der Start recht hakelig ausfällt, drücken wir aufs Gas. Die Regenwolken hangen über unseren Köpfen und haben bereits ein paar Tropfen fallen gelassen.

Noch kurz ein Besuch vom nächsten Gipfelkreuz, und weiter geht es. Der Trail wird immer besser, genial. Der Grat ist vergessen, das Smile zurück.
Die letzten Wiesentrails … und schon ist der See erreicht.

Danke Alexander und Kurt für eure Hilfe auf dem Grat. Ich weiss es zu schätzen! Danke Alexander für die tollen Fotos von mir.

Ja, was soll ich sagen … wäre der Titel „Gratwanderung“ oder „grenzwärtig“ eher passend gewesen?
Egal, ich schaue mit viel Dankbarkeit zurück an diesen Tag. Es war für mich Abenteuer pur. Wie heisst es so schön, man sollte die eigene Komfortzone auch ab und zu verlassen. Der Tag bleibt sicher in meinem Hirn unvergesslich.

Distanz: 34.2 km
Höhenmeter: 1’734 hm (einiges davon schieben/tragen)
Bahnunterstützung: Keine
Bike: Liteville 301 Mk14

4 Gedanken zu „Mittelpunkt der Schweiz“

  1. Ich glaube solche Abenteuer sollte man sein lassen. Es gibt genug Fälle, wo ein Fehltritt zur Katastrophe führte. Irgendwo hört das Abenteuer auf und die Überschreitung der Grenzen sollte man sich gut überlegen. Ein kleiner Fehler, den man im Eintretensfall nicht mehr korrigieren kann. Klar haben wir auch schon heikle Stellen begangen, aber meistens waren die durch eine Kette/Stahlseil gesichert oder zumindest unten dran war Wald oder Sträucher. Aber dieser Grat hier überschreitet meiner Meinung nach diese Grenze.
    Ich freue mich auf jeden Fall bereits wieder auf „normale“ Touren mit Dir/Euch mit Ausgangspunkt auf einem gemütlichen Campingplatz.

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    • Ich sehe das nicht so eng. Klar verzeihen solche Wege keine grossen Fehler. Das erlebe ich aber auf vielen Gipfeltouren. Hier ist der Unterschied, dass es nicht nur eine kurze Stelle ist, sondern auf der gesamten Länge vom Grat. Und richtig hinderlich war natürlich das mitgeschleppte Bike.
      Das grösste Problem war jedoch klar meine fehlende Schwindelfreiheit. In solchen Situation ist man einfach nicht mehr so sicher und locker unterwegs. Ich versuche daran zu arbeiten und mein Hirn umzupolen 🙂 … aber freue mich auch auf „normale“ Touren 😉

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      • Uih, uiiiih ….

        Da kann man nun beim Lesen erst so richtig nachvollziehen, was damals in Dir vorging .

        Was schickst Du mich auch immer für Ideen austesten . Aber eine eindrückliche Erfahrung war es allemal.

        Dann lassen wir dieses Jahr die Überschreitung des Hoh Brisen und nehmen stattdessen den Walenpfad unter die Räder! Da geht es nur auf einer Seite runter .

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