Ärnergale

Nach den beiden Wochenendtouren mit Freunden zum Aletschgletscher und ins Binntal, muss ich heute alleine losziehen.
Erster Fixpunkt ist wieder die Hängebrücke bei Mühlebach. Sie führt mich bequem auf die andere Talseite. Diesmal rolle ich jedoch nicht nach Ernen und ins Binntal, sondern trete kräftig in die Pedalen, den Berg hinauf bis Chäserstatt. Soweit ist der Aufstieg angenehm. Der nächste Abschnitt habe ich mir etwas einfacher vorgestellt. Auf der Karte ist ein breiter Alpweg eingezeichnet. Meine Hoffnung, bis zur Alp Schäre fahren zu können, zerschlagen sich sofort. Der Weg ist sehr steil. Ich schiebe mein Bike den grössten Teil mühsam den Berg hoch.

Die Alp ist verlassen, kein Mensch zu sehen, einfach nur einsame Stille. Das ist die ideale Jahreszeit für diese Tour, denn Hinweistafeln machen klar, dass ein Durchkommen in der Sommersaison nicht möglich ist. Die Gegend wir von Schafherden und deren Herdenschutzhunden besiedelt. Es wird empfohlen, durch das Rappetal auszuweichen.

Der lang gezogene Bergrücken ist ein wunderschöner Ort. Er zieht sich fast endlos dahin. Ich kann ab der Alp wieder ans fahren denken. Nach der negativen Überraschung vom steilen Alpweg, gibt es hier die positive Überraschung. Der grösste Teil ist fahrbar, wenn auch der Trail oft nicht gut ersichtlich ist und etwas um die Steine und Grasbüschel gezirkelt werden muss.

Die Fahrt über die Ärnergale ist ein Erlebnis. Rechts von mir blicke ich ins Rappetal und auf die Gipfel von gestern, links ins Goms und die Region der Aletscharena von vorgestern.

Die letzen Meter zum höchsten Punkt auf gut 2’600 Meter sind geschafft. Ich blicke bereits in meine Abfahrt, in die Bodmerchumma. Aber wo ist der Weg? Habe ich ihn verpasst? Der Einstieg in die Abfahrt liegt etwas entfernt. Also schultere ich mein Bike und quere ein grosses Feld mit Felsbrocken. Plötzlich gibt ein Stein nach. Mein linkes Bein versinkt in der Tiefe, wobei mein Oberschenkel an einem Felsen anschlägt. Ich stecke im Loch, begraben von meinem Bike und mit grossen Schmerzen. Das ist genau das, was man sich nicht wünscht, sowieso wenn man alleine unterwegs ist.
Ich mache eine kurze Pause, in der Hoffnung, dass sich die Prellung etwas mindert. Fehlanzeige.

Ab hier, gleich beim Start ins Abfahrtsvergnügen, ist meine Tour beendet. Klar muss ich noch ins Tal kommen. Aber mit biken hat dies nicht mehr viel Gemeinsamkeiten. Die Schmerzen sind so stark, dass ich humpelnd die anspruchsvollen Stellen bewältige. Hoffentlich wird es weiter unten besser.
Die Gegend ist wunderschön, obwohl ich es nicht richtig geniessen kann. Der Grittlesee ist vollkommen ausgetrocknet. Der Grundle und Mittle sind gefüllt und glitzern in der Sonne.

Der Trail wird flowiger. Knapp kann ich mich auf das Bike schwingen. Durch die roten Heidelbeerbüsche geht es über die Bodmeralp. Die ersten goldigen Lärchen empfangen mich. Die Farben sind eine Wucht, genial.
Kaum bin ich im Wald, wechselt der Flow in erstaunliche Steilheit. Die Bremsen glühen. Ich bin froh, dass ich nicht pedalen muss. Jede Kurbelumdrehung ist eine Qual und die Schmerzen kaum zu ertragen.

Bodme bei Blitzingen ist erreicht. Ich folge ein Stück dem Radweg und wechsle später auf die Strasse zurück nach Fiesch. Je weniger ich kurbeln muss, umso besser.

Mein Frust ist riesig. Die Bikeferien sind bereits am heutigen Montag beendet. Ich packe meine sieben Sachen und verabschiede mich vom Wallis. Mit meinem Büssli geht es nach Hause.

Die Prellung hat mich schliesslich ein paar Wochen begleitet. Aber ich bin froh, dass nichts schlimmeres passiert ist und ich noch selbständig vom Berg runter kam. Vielleicht packe ich diese Tour irgend wann wieder, um die Abfahrt und die Farben voll geniessen zu können.

Distanz: 33.2 km
Höhenmeter: 1’607 hm
Bike: Liteville 301 Mk14

3 Gedanken zu „Ärnergale“

  1. Hallo Rotscher, diese Tour istbei mir auf dem Wunschzettel! Vor 2 Jahren war ich nach dem Schieben auch dort, wo man wieder hätte fahren können, aber es hatte schon Schnee. Also bin hinunter nach Ernen, Hockmatte, Grengiols, Brig. War auch so sehr schön Spätherbstlich.
    Grüsse Pesche

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  2. Hoi Rotscher, schade dass diese Tour so für Dich enden musste. Wunderschöne stimmungsvolle Bilder, solche Touren sind wirklich nur im Spätherbst am schönsten. Dann besteht aber genau auch diese Gefahr, dass man bei einem Unfall völlig alleine ist. Nun, ein zweiter Versuch ist ja schon fast Pflicht…

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